Fit gemacht für einen sauberen Abgang

Sie waren einst die besten Turntalente der Nation. Dann passierte das Leben. Nun wollen sie es nochmal wissen. Eine Riege „alter Männer“ tritt für den SC Potsdam wieder bei Turnwettkämpfen an.PNN – Es sieht hier aus wie immer. Die gelben Vorhänge, die vergilbt sind. Die Stockflecken an den Wänden der alten Turnerhalle im Luftschiffhafen. Die Holme der Barren, über Jahrzehnte glattpoliert von unzähligen Handgriffen. Der gleiche Geruch aus Schweiß, Kreide und abgestandener Luft. Alles wie damals, als Michael Rufflet und René Kramer junge Turner beim damaligen ASK Vorwärts Potsdam waren, der mit Seoul-Olympiasieger Holger Behrendt (1988) einen der weltbesten Turner seiner Zeit in seinen Reihen hatte. Olympische Spiele – das war auch das Ziel junger Athleten wie Rufflet und Kramer. Sie turnten bereits in der Junioren-Nationalmannschaft, „ich war der letzte DDR-Spartakiadesieger“, sagt Kramer und lacht. Mit der Wende war die Zeit der Spartakiaden vorbei. Vieles änderte sich, Wege trennten sich, Sportkarrieren gingen zu Ende, ehe sie richtig begonnen hatten.

Auch die Trainingsgefährten vom Luftschiffhafen verloren sich teils aus den Augen. Einige gingen in die alten Bundesländer, andere blieben. Einige turnten weiter, manche hörten auf. Sie lernten Berufe, gründeten Familien. Eheringe statt Olympischer Ringe. Das Leben nahm halt seinen Lauf. Ein paar Jahre später gab es für einige ein Revival – kein rein sportliches, eher ein unterhaltsames. Mit ihren alten Trainingsgefährten Thomas Belling, Kevin Hoheisel und Gabor Weniger sorgten Rufflet und Kramer als „Potsdamer Scheiterhaufen“ bei Karnevalsfeiern für akrobatische Unterhaltung und Gaudi. Aber auch der Spaß war nach ein paar Jahren vorbei. Es blieb ein wöchentlicher Treff zum Fußballspielen in der Halle.

Ein Doppelsalto – vor 30 Jahren eine Übung im Schlaf – führte nun zur Orientierungslosigkeit

Bis zum Sommer 2015. Ein paar Wochen zuvor hatte Rufflet beim Eberswalder Turnertreff, einer mehr als 40 Jahre alten Traditionsveranstaltung, „alte Männer“ turnen sehen – und war beeindruckt und herausgefordert zugleich: „Das können wir auch noch!“ In den darauffolgenden Sommerferien stand die alte Riege wieder da, wo sie gut 30 Jahre zuvor olympische Träume hatten.

Weil in der Turnerhalle alles beim Alten war, dachten sie, dass es auch bei ihnen noch genauso geht wie früher. Doch der Stillstand in der Halle und das Uhrwerk des Lebens ließen sich nicht synchronisieren. „Die Schultern, der Rücken, die Knie, die Hände, die Füße … der Körper!“ Unisono beschreiben sie die schmerzhaften Folgen, als sie die ersten Übungen machten. „Bei jeder Landung auf dem Trampolin habe ich Sterne gesehen“, erzählt der 48-jährige Rufflet. „Mein Gewicht“, sagt der ein Jahr jüngere Kramer lachend, sei die schwierigste Herausforderung gewesen. „Kondition und Koordination“, meint Rufflet. Ein Doppelsalto – vor 30 Jahren eine Übung im Schlaf – führte nun zur Orientierungslosigkeit. „Ich wusste gar nicht mehr, wo ich war“, so Rufflet. Das Unterfangen, im darauffolgendem Frühjahr in Eberswalde der alten Garde Konkurrenz zu machen, erwies sich schwieriger als gedacht und letztlich als zu ehrgeizig. Die Zeit reichte nicht aus, um in Form zu kommen und wettkampffähig zu sein. „Wir konnten unsere Leistung nicht abrufen“, sagt Kramer in einst geschulter Rhetorik.

Es dauerte letztlich gut ein Jahr, bis sie wieder Elemente turnten, die sie wettkampftauglich machten. Kippe, Riesenfelge, Mühle, Schlussgriff, Kammgriff, Salto mit ganzer Drehung als Abgang – die Übungen deklinieren sich wie einst. Gewicht verloren, Körpergefühl zurückgewonnen, die Muskeln wieder deutlich sichtbar. Der Rückgewinn an Fitness und altem Turngeschick führte vor wenigen Wochen dazu, dass der SC Potsdam, für den die Riege antritt, ganz oben in einem Wettkampfprotokoll stand. Im November gewannen Rufflet, Kramer, Belling, Weniger, Hoheisel und Elman Mamadov als Mannschaft beim 54. Oranienburger Pokalturnen. Kramer mit der Tages-Höchstwertung am Reck, Mamedov am Boden und Weniger am Barren.

„Eberswalde 2018 ist das Ziel“

Je näher der Wettkampftermin rückte, desto mehr trainierten sie. Erst einmal, dann zwei-, am Ende sogar dreimal. „Die pure Angst“, sagt Kramer scherzhaft, um dann doch durchaus ernsthaft zu betonnen: „Etwas Druck war schon da, eine gute Leistung abliefern zu müssen. Als ehemaliger Leistungssportler konnten wir doch nicht den zweiten Platz machen.“ Auch Rufflet erzählt von einem Gefühl, dass ihm bekannt vorkam: „Ich wollte bei einer Siegerehrung wieder in der Mitte stehen. Ich wollte drin sein in der Turnhalle und nach draußen schauen, nicht umgekehrt.“

Beim Oranienburger Wettbewerb kann sich jeder Turner aussuchen, an welchem Gerät er turnt. Sie konnte jeder an seinem Spezialgerät möglichst viele Punkte zum Teamerfolg beisteuern. Beim Turnertreff in Eberswalde indes muss jedes Gerät geturnt werden. So weit waren sie auch in diesem Jahr noch nicht – einzig Gabor Weniger ist fit für alle Geräte. Und Kramer schüttelt den Kopf: „Nee, das ist dann doch zu viel des Guten.“ Ausdiskutiert scheint das aber noch nicht, denn Rufflet erklärt: „Eberswalde 2018 ist das Ziel.“