Ein Bericht über Diskus-Olympiasieger und ehemaliger Trainer beim SC Potsdam: Jürgen Schult

Diskus-Olympiasieger von 1988, Jürgen Schult – was und wie er den Olympia-Sieg von 1988 erlebt hat, wie sich seine aktive Laufbahn und sein Trainer-Leben danach entwickelt hat und was er heute macht, erfahrt Ihr im folgenden Artikel. Wir haben Jürgen Schult für eine langjährige Unterstützung herzlich zu danken. Als langjähriges Kuratoriumsmitglied und wesentlicher Bestandteil im Aufbau des Wurfbereichs beim SC Potsdam und der Leichtathletik in Potsdam hat er zu einer erfolgreichen Entwicklung nachhaltig und zuverlässig beigetragen. Vielen herzlichen Dank, Jürgen Schult.


Märkische Allgemeine Zeitung: Goldener Schlusspunkt

Lokalsport, Dienstag, 29. September 2020 Sport

Diskuswerfer Jürgen Schult holte 1988 den letzten Olympiasieg für die DDR – „Geheult“ hat der in Brandenburg lebende und arbeitende Weltrekordler aber erst viele Jahre später
Von Ralf Jarkowski

Berlin. Um ein Haar wäre die Operation Gold schief gelaufen – und Diskus-Riese Jürgen Schult würde heute nicht als letzter Olympiasieger der DDR in den Annalen des deutschen Sports stehen. Sondern der Brandenburger Boxer Henry Maske, als Profi nach der Wende ein smarter und schlagfertiger „Gentleman“. Schult war an jenem Samstagmorgen in Seoul, es war der 1. Oktober 1988, wohl nicht ganz bei der Sache. Die DDR-Funktionäre hatten früh noch eine kleine Feier angesetzt, irgendein Jubiläum, alle mussten antreten. Dann packte der Schweriner seine Sporttasche – und ließ das Wichtigste im Zimmer liegen. Seine Identität.

„Im Olympischen Dorf auf dem Weg zum Bus ins Stadion habe ich dann gemerkt, dass ich meine Akkreditierung vergessen hatte, ohne die wäre ich nicht weit gekommen. Ich bin dann noch mal schnell zurück“, sagt Schult. Wenn er den Fauxpas erst am Stadion gemerkt hätte – wer weiß? Gleich seine ersten Olympischen Spiele wären für den weltbesten Diskuswerfer jener Jahre wohl in die Hose gegangen.

Doch alles ging glatt. „Im Stadion habe ich dann schon beim Einwerfen gemerkt: heute passt alles“, schildert Schult. Und mittags schlug dann die Stunde des Weltmeisters und Weltrekordlers vom SC Traktor Schwerin: Der Riese aus Mecklenburg, 28 Jahre alt, holte sich Gold. Mit vier seiner sechs Versuche wäre er Olympiasieger geworden, es war der vorletzte Wettkampftag in der Hauptstadt Südkoreas.

Was damals, gut ein Jahr vor dem Mauerfall, keiner wissen konnte: Nie wieder sollte es eine olympische Goldmedaille für die kleine Sportgroßmacht geben. Der Boxer Wolfgang Behrendt war am 1. Dezember 1956 in Melbourne, noch im gesamtdeutschen Team, der erste Olympiasieger aus der DDR – Schult knapp 32 Jahre später der letzte. Stolz präsentierten beide am 1. Dezember 2006 ihre Goldmedaillen, zum 50. Jubiläum von Behrendts Sieg im Bantamgewicht gegen den Südkoreaner Song Soon Chon.

Auf dem Nachtflug der DDR-Mannschaft nach Berlin-Schönefeld wurden die müden Medaillengewinner dann eingenordet. „Eine Stunde vor der Landung kam ein Telefax. Und da stand genau drin, in welcher Reihenfolge wir aussteigen mussten – zur Begrüßung durch die Partei- und Staatsführung. Nummer eins, zwei und so weiter, und wer hinten raus musste“, schildert der heute 60-Jährige. „Ich war die Nummer fünf. Die Nummer eins war Martina Hellmann – warum auch immer.“ Naja: Auch Frau Hellmann hatte Diskus-Gold für die DDR erkämpft.

Schult gewann damals mit dem Olympia-Rekord von 68,82 Metern – das konnte er weder 1992 noch 1996 oder 2000 in Sydney wiederholen. Historisch oder politisch überhöhen möchte er seinen Triumph keinesfalls. „Ich war schon stolz darauf, das DDR-Trikot zu tragen. Aber das Gold habe ich für mein Team geholt: für den Kraftfahrer, der mich am Montagmorgen nach Kienbaum gefahren hat. Für die Küchenfrau, die mir morgens um halb fünf mein Steak gebraten hat – mit Spiegelei“, erzählt Schult. „Für meine Familie, meine Freunde. Wenn die sich freuen, dann bin ich glücklich – und nicht, weil da ’ne Fahne hoch geht.“

Für Gold gab’s damals auch viel Silber: Schult bekam den „Vaterländischen Verdienstorden“, wurde „Verdienter Meister des Sports“. Es gab 35 000 Ostmark und 6000 Westmark – in Forum-Schecks. Er kaufte sich davon ein Auto, auf das ein normaler DDR-Bürger jahrelang und oft vergeblich gewartet hätte. „Einen Lada 2107“, erzählt er. „1991 oder 1992 habe ich ihn für 3000 Westmark wieder verkauft.“

Richtiges Silber gab’s 1992 in Barcelona, 1996 in Atlanta (Sechster) und 2000 in Sydney (Achter) schaffte er es nicht mehr aufs Olympia-Podium. Sechsmal nahm Schult an Weltmeisterschaften teil, achtmal in Serie (1983 bis 1990) wurde der gelernte Maschinen- und Anlagenmonteur DDR-Meister. Am 6. Juni 1986 schleuderte der Diplomsportlehrer die Zwei-Kilo-Scheibe in Neubrandenburg bei günstigem Wind 74,08 Meter weit: Weltrekord – bis heute. Dass Dopinggerüchte nur bei Weiten jenseits der 70 Meter aufkommen, nervt Schult weiterhin. „Der Weltrekord hat mir nie viel bedeutet. Für andere war er Mittel zum Zweck – zu welchem Zweck auch immer“, meint Schult. Immerhin sind derzeit 26 Diskuswerfer im 70-Meter-Club – der Litauer Virgilijus Alekna kam Schult im Jahr 2000 am nächsten (73,88).

Nach 26 Jahren Leistungssport war 2001 beim Berliner Istaf Schluss. „Als der Stadionsprecher meinen sechsten Versuch ankündigte – ich hätte heulen können. Ich glaube, ich habe sogar geheult“, gab Schult zu. „Wenn 50 000 oder 60 000 Zuschauer im Olympiastadion plötzlich aufstehen und klatschen und alles andere angehalten wird im Stadion, weil du deinen letzten Wettkampfwurf nach 26 Jahren machst – das sind so Momente im Leben, die man einfach nicht vergisst“, sagt Schult und schwört: „Das war 30-mal emotionaler als bei meinem Olympiasieg!“

Von 2001 bis 2016 war Schult Bundestrainer der Diskus-Männer, von 2004 bis 2018 leitender Bundestrainer Wurf. Von 2006 arbeitete er am Stützpunkt in Potsdam und baute sich im nahen Töplitz ein Haus. Seit März 2018 ist Schult als Bundespolizei-Trainer Leichtathletik in Kienbaum (Oder-Spree) tätig.

Das 203. Olympia-Gold in der kurzen Geschichte des DDR-Sports kann Schult keiner mehr nehmen. Aber er behandelt das edle Stück deshalb nicht wie ein Heiligtum, wie eine Ikone. „Alle meine Medaillen, auch die Goldene von Olympia, liegen bei mir im Büro in einer Schublade“, beteuert der Hüne und verrät dann, was ihm heilig ist: „Ich brauche keinen Riesen-Kosmos im Leben. Ich brauche die Menschen, die Freunde im Leben, die für mich da sind, denen ich vertrauen kann.“