EM-Serie der MAZ: Dreispringer Jörg Drehmel

Im Hinblick auf die Heim-Europameisterschaft der Leichtathleten in Berlin im August stellt die MAZ regelmäßig ehemalige Spitzen-Leichtathleten vor. Auch Jörg Drehmel, der viele Jahre unter Heinz Rieger trainierte und 1971 Europameister im Dreisprung wurde.

MAZ – Jörg Drehmel setzt alles auf den ersten Versuch. „Damit kannst du die Gegner schocken oder zumindest unter Druck setzen.“ Gesagt, getan. Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 1971 springt der Mann vom ASK Vorwärts Potsdam gleich im ersten Anlauf 17,16 Meter weit – Gold.

Dabei fand der in der Nachkriegszeit in dem vorpommerschen Dorf Trantow aufgewachsene Drehmel sehr spät zur Leichtathletik. „Während meines Armeedienstes wurden in Potsdam Leute für den Speerwurf gesucht. Diese sollten aber mindestens 1,90 Meter groß sein. Ich habe drei Zentimeter dazu geschwindelt. Weil ich die Eierhandgranate am weitesten werfen konnte, wurde ich genommen“, erzählt er. „Aber Speerwerfen war nicht mein Ding. Dann hatte ich mich am Ellenbogen verletzt und habe nur noch so für mich hintrainiert. Dann schaffte ich mit 7,35 Meter auf Anhieb die Norm für die DDR-Meisterschaften im Weitsprung, auch im Dreisprung bin ich ohne spezielles Training sofort über 15 Meter gesprungen.“

Erst mit 21 Jahren Dreispringer

Mit 21 Jahren begann seine Karriere erst. Schon 1969 wurde er erstmals DDR-Meister im Dreisprung und EM-Sechster. 1970 siegte er beim Europapokalfinale in Stockholm und übertraf mit 17,13 Meter als erster Deutscher die magische 17-Meter-Marke, die er gleich im ersten Versuch erzielte. Auch ein Jahr später bei den Europameisterschaften in Helsinki machte er gleich mit dem ersten Anlauf und Hop-Step-Jump die Goldmedaille klar. „Wenn der erste Versuch ein weiter Satz wird, bist du die Hälfte der Konkurrenz schon mal los. Das war immer mein Ziel“, schildert er seine einfache, aber wirksame Taktik.
Silber bei Olympia 1972

Bei den Olympischen Spielen 1972 in München klappte das weniger gut. „Mein erster Versuch war ungültig. Weil mein größter Kontrahent Wiktor Sanejew im ersten Versuch gleich 17,35 Meter vorgelegt hatte, war ich übermotiviert. Der Anlauf stimmte nicht, ich bin sogar mit dem falschen Bein abgesprungen“, erinnert sich Drehmel, der sich jedoch steigerte und im fünften Versuch bis auf vier Zentimeter herankam. Er gewann Olympia-Silber. „Richtig zufrieden war ich damit nicht“, sagt Drehmel, der mit Ehefrau Brigitte – das Paar feiert nächstes Jahr Goldene Hochzeit – in Stahnsdorf wohnt. Zur Familie gehören zwei Kinder und vier Enkel.

1974 in Rom wurde er noch einmal EM-Vierter. Während sein großer Widersacher Sanejew aus der Sowjetunion 1976 sein drittes Olympia-Gold in Folge gewann, verpasste der Potsdamer die Spiele in Montreal wegen einer Adduktorenzerrung am rechten Oberschenkel. „So etwas hatte ich vorher nie gehabt. Aber ausgerechnet im Olympiajahr musste ich mich verletzen.“ Das war ein bitterer Schlusspunkt.

Später als Trainer gearbeitet

Drehmel, der in der „ewigen“ deutschen Bestenliste mit seinen 17,31 Meter von München immer noch auf Rang sieben liegt, sagt: „Als Dreispringer kannst du nicht jeden Tag Sprungübungen machen, sondern musst die Belastung dosieren. Weil es auch auf den Sprungrhythmus ankommt, musst du mit einer gewissen Frische und Lust an den Ablauf gehen.“ 17 Meter habe der fünfmalige DDR-Meister immer drauf gehabt.

Im Fernstudium erwarb Drehmel, der in Stralsund einst Schiffselektriker gelernt hatte, das Trainerdiplom, kümmerte sich um den Nachwuchs. „Ich habe die Talente selbst gesichtet, hatte eine gute Trainingsgruppe beisammen.“ Darunter waren mit Carsten Embach und René Hannemann zwei Leichtathleten, die dann als Bobsportler sogar olympische Erfolge feierten.

Drehmel hält sich mit Gartenarbeit fit, außerdem geht er regelmäßig ins Fitnessstudio. Zur EM im August in Berlin wurde der 73-Jährige eingeladen.

Von Peter Stein